Über Pläne lacht das Schicksal

…ganz nach diesem Motto durften wir auf unserer Weiterfahrt ins Erzgebirge einen Carglass Stopp in Freiberg einlegen. Während die Eltern einen Schwerpunkt auf die, an Montagen leider beschränkt zugängliche, Kultur legen wollten, hatten die Kinder andere Pläne.

Kalle, mit seinen trainierten Augen, entdeckte überall, sei es an der Fensterscheibe eines Ladens, neben einer Skulptur, die wir ihm gerade zeigen wollten, oder im Park auf der Rutsche, Insekten. Und statt: Oh, was für eine schöne Skulptur oder leckeres Brötchen hieß es: „Oh eine Feuerwanze, da fliegt eine Motte…warte du freche Fliege – gleich habe ich dich.“ Also doch lieber Wald statt Stadt 😉. Immerhin konnte er sich kurzzeitig für die Steinesammlung an der hiesigen Universität begeistern.

Ellie hatte auch wenig für Kultur übrig – bzw. bis auf die Shoppingkultur. Wenn sie nicht gerade auf jeden Treppenvorsprung oder die nächstbeste Bank kletterte um dann in Parcourmanier runterzuspringen, mal mit, mal ohne Drehung, klebte förmlich ihre Nase an den Schaufensterscheiben. Den flehenden und begierigen Blick unterstrich sie dabei oft mit ihrer lauten Stimme und einer konkreten Forderung: Ich will das haben …
Dementsprechend war der Aufenthalt nur mäßig entspannend und wir haben uns gefreut als wir endlich mit heiler, und sauberer Frontscheibe auf dem Weg Richtung Campingplatz waren.

Dort angekommen erwartete uns der wundervolle Campingplatz Greifensteine! Direkt am See gelegen, mit frei wählbaren Plätzen, einem kleinen Kiosk, einem Imbiss und einem Bäckerstand, der netterweise auch an Regentagen geöffnet hatte…Die Sanitäranlagen waren sauber und wir hatten Glück mit den Mitcampern.

Während Uwe das Auto und das Zelt vorbereitet hat (ein nicht ganz zu vernachlässigender Prozess – Einblicke geben wir später) erkundeten der Rest der Familie das, direkt an den Campingplatz angrenzende, Seeufer. Pünktlich nach Fertigstellung unserer „Unterkunft“ ging der Regen los und was wir damals noch nicht wussten, aber bald spüren mussten, war, dass er gekommen war um zu bleiben … Somit fing unser Camping direkt mit Dauerregen an. Eine Herausforderung, der das Zelt und das Auto besser standhielten als unsere Laune. Da es nach dem Aufbauaufwand nun gefühlt zu aufwendig war, das Auto wieder umzubauen um einen Ausflug zu machen … bzw. wir einfach zu schlapp waren, nutzten wir jede Regenpause und fußläufige Attraktion um etwas zu erleben.

Da gab es das Erlebnisbad, eine Minigolfanlage, Spielplatz, Tretboot fahren, einen schönen Strand und einen Steinladen, in dem man seine Steine selber schleifen durfte. Nun würden einige fragen: „Warum seid ihr nicht weggefahren und an einen trockenen Ort gefahren?“ Wir waren total verrückt – wir haben unseren Aufenthalt sogar zweimal verlängert und waren statt der vier Nächte dann doch sechs Nächte dort. Wir hatten eine total romantische und schöne Vorstellung wie es hier wohl sein würde bei schönem Wetter und hielten länger durch als Petrus Regen schicken konnte um dies zu haben, genießen und uns bestätigt zu wissen.

Einfach mal über den Tellerrand springen

Dabei ist mir insbesondere aufgefallen wie Kalle gewachsen ist – im Erlebnisbad hat er sich erst auf eine der Wasserrutschen überhaupt nicht drauf getraut. Nach einigen Versuchen, in Begleitung und motivierendem Zureden, war er irgendwann (zugegeben hat es etwas gedauert und viel von dem Geduldsvorrat in Anspruch genommen) soweit und er hat es sich dann allein getraut … einmal, zweimal … gefühlt tausendmal. Tage später erzählte er noch begeistert von dieser Rutsche, die so viel mehr für ihn war als nur eine Rutsche. Er hat seine Angst überwunden und sich damit die Möglichkeit dieser adrenalinsteigernden Erfahrung des highspeed Rutschens erlaubt/ermöglicht. Sein Stolz auf sich und das Verlangen des Teilens haben ihn bewegt selbst Wochen später noch die Geschichte über sich selber als todesmutiger blaue-Rutschen-Bezwinger zu erzählen.

Eine weitere Erfahrung, bei der ich ihn über sich selber hinaus wachsen sehen habe, war das Steine schleifen. Wer hat schon einmal einen Stein geschliffen – Hände hoch! Das ist ein Prozess über drei Stationen, der ca. eine Stunde beansprucht und die Arm-, Hand- und bei Kalle auch Mundmuskulatur beansprucht. Er hatte sich natürlich einen schönen, grünen (seine bzw. Die Lieblingsfarbe seines Lieblingspapas) rausgesucht ohne zu wissen, dass die Größe des Steines bestimmt wie lange und schwerfällig der Prozess wird. Sein Ziel vor Augen und ein ständiges Fragen auf den Lippen: Wie lange noch? Bin ich jetzt fertig? Am Ende hatte er einen coolen Stein, es hat ihm Spaß gemacht und er hatte wahrscheinlich Muskelkater (was er natürlich nicht zugeben würde).

So sehen stolze Besitzer eines mühevoll geschliffenen Steines aus

Ellie hat eine beeindruckende Selbstwahrnehmung gezeigt. Sie hat sich super doll gewünscht reiten zu gehen. Doch als sie auf dem Pony saß, fühlte sie sich unsicher und wollte jeweils wieder runter. Sie war sooo traurig darüber. Aber selbst ein weiterer Versuch hat nicht geklappt. Sie fühlte sich nicht sicher! Obwohl sie soo gern geritten wäre, ist sie intuitiv (und sehr laut) ihrem schlechten Gefühl gefolgt, gegen ihr Bedürfnis zu reiten. Bei einem späteren Versuch bzw. der Möglichkeit konnte sie dann sehr klar äußern, was sie will.

Wie gehen die Kinder eigentlich mit der Veränderung um?

Ellie hat in dieser Woche noch viel von zu Hause gesprochen und wenn wir ihr gesagt haben, dass das Auto unser zu hause für die nächste Zeit ist, hat sie es vehement verneint. Dank der digitalen Technologien und dem Zugang, den Kinder bereits in jungen Jahren dazu haben (kann man negativ und positiv interpretieren), hatte sie die Möglichkeit Kontakt zu ihrer besten Freundin aufzunehmen. Das hat sie etwas beschäftigt, da ihr nicht klar war, warum sie nicht bei ihr war und wo ihre Freundin sei, aber die Möglichkeit trotzdem mit ihr sprechen zu können, hat sie erfreut.

Kalle dagegen hatte offensichtlich noch nicht so richtig mit der Kita abgeschlossen – zumindest hatten wir irgendwann fünf Kinder bei uns sitzen und spielen. Kalle hat immer wieder mehr Kinder mit seiner Begeisterung und guter Laune angesteckt und zu uns gebracht, dass es sich ein wenig wie eine Kitagruppe angefühlt hat. Er hat für sich festgestellt, dass es jetzt anders ist als in der Kita. In Letzterem musste er nun seine Spielkameraden zusammenbringen um zu spielen anfangen zu können, hier war mehr gefragt – ansprechen, Ideen zum Spielen sammeln und andere für die eigene zu überzeugen (das ist ihm wichtig 😁 )

Wie schlafen wir?

Unser Heim bzw. Aufbaukonstellation für längere Aufenthalte und Regen

Wie beschrieben haben wir unser Auto als Basis. Dort haben wir unten die Sitze umgedreht, so dass wir wetterbedingt auch basteln, malen und spielen können. Oben, im Aufstelldach, kann geschlafen werden. In dem Zelt, welches mit dem Auto verbunden ist, haben wir eine separate Schlafkabine drin, die aus abgedunkelten Stoff besteht. Dort ist eine Luftmatratze drin zu finden. Da wir nicht draussen essen konnten, haben wir entweder Picknick im Zelt gemacht oder im Auto gegessen. Auf jeden Fall haben die Kinder jetzt gelernt, dass es wichtig ist den Kopf über dem Teller zu haben 😉

Loslassen und Neuanfang/Veränderung gehen Hand in Hand

Wir haben die Anfangszeit auch genutzt noch einmal kritisch auf das zu schauen, was wir mit uns führen. Welchen Nutzen erfüllt was? Was ist überflüssig? Nach dem Prinzip konnten wir mal wieder einiges an Last loslassen. Die größte Erkenntnis war, dass auch Dinge, die theoretisch und intuitiv sinnvoll sind, vielleicht einfach nicht das Richtige für uns sind. Mit dieser Erkenntnis beschlossen wir das Vorzelt wieder zu verkaufen. Wir erwarten im Laufe der Zeit noch einiges an Last – physisch sowie gedanklich – hinter uns lassen zu können.

Ich habe das Gefühl, dass auch unsere Haltung sich schon ein wenig verändert hat. Der Steinschlag und die Regentage waren Herausforderungen, die uns einen Strich durch Pläne gemacht und Aufwand gekostet haben, aber trotzdem bin ich dankbar für die Erlebnisse und Erfahrungen, die wir haben durfte. Gerade weil die Scheibe kaputt gegangen ist und es geregnet hat. Zugegeben erst Rückblickend – Ziel wäre in dem jeweiligen Moment 😜

Nächster Stopp: Tschechien!

Übrigens zur Route –
Wer ein Muster sucht, der muss sich wirklich Mühe geben – wir sind aber offen für Analysen und Vorschläge 👍

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